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Manifest der Sans-Papiers

Das Manifest als Startschuss für die Sans-Papiers-Bewegung im Jahre 2001

Wir, die “sans papiers" von Freiburg und aus der ganzen Schweiz, wollen uns mit diesem Manifest eine Stimme geben. Wir sind Familien, wir sind Alleinstehende oder auch kinderlose Paare. Aus allen Ecken der fünf Kontinente sind wir hierher gekommen um zu arbeiten, um zu leben - frei und weg von Krieg und Elend. Die meisten von uns haben ihre Kinder hier aufwachsen sehen, andere sehen sie nie, weil sie dort geblieben sind. Wie jede Mutter, wie jeder Vater möchten wir ihnen eine glückliche Zukunft bieten.

Nach all den Jahren, die wir in der Schweiz verbracht haben, sind wir integriert. Wir wären fremder in unserem Land als in der Schweiz, wo wir leben, unsere Steuern, unsere Mieten, unsere Sozialabgaben bezahlen, so wie jeder und jede “legale“ EinwohnerIn dieses Landes auch. Wir haben und werden auch in Zukunft zum wirtschaftlichen Wachstum aber auch zur sozialen und kulturellen Entwicklung dieses Landes beitragen.

Die meisten von uns sind legal in die Schweiz eingewandert. Wir haben die Illegalität nicht gewählt. Sie wurde uns von den Gesetzen auferlegt. Wir sind nicht verantwortlich für diese Situation und wehren uns gegen die Heuchelei der Behörden, die uns die Schuld dafür geben wollen. Wir sind keine Kriminelle, sondern Frauen und Männer, die hart arbeiten: in der Landwirtschaft, im Gast- und Baugewerbe oder beim Bau öffentlicher Infrastrukturen. Eine Arbeit, die die meisten von euch nicht übernehmen würden. Wir arbeiten oft unter Bedingungen, die für SchweizerInnen unvorstellbar sind: Miserable Löhne, nicht endende Arbeitstage, keine soziale Sicherheit, baufällige Unterkünfte sind unser tägliches Brot. Gegen diese Formen der Ausbeutung können wir uns nicht wehren. Ohne Papiere haben wir auch keine Rechte zum Wohle der Schweizer Demokratie.

Wir verlangen nichts unmögliches, nur eine Aufenthaltsbewilligung für uns alle. Genau wie ihr haben wir das Recht, würdig und in Sicherheit zu leben. Wir wollen eine Aufenthaltsbewilligung um nicht mehr die Opfer der Willkür von Verwaltungen und Arbeitgebern zu sein.

Wir wollen eine Aufenthaltsbewilligung um frei durch die Strassen zu gehen, ohne Angst jeden Moment verhaftet und ausgewiesen zu werden. Wir wollen eine Aufenthaltsbewilligung um als ganze Menschen angesehen zu werden, wir wollen rechtliche und faktische Gleichstellung.

Aus all diesen Gründen verlangen wir eine kollektive Regularisierung aller "sans papiers" und lehnen eine “Fall für Fall“- Vorgehensweise ab. Wir alle, Opfer von ungerechten Gesetzen, verlangen ein Recht auf Migration. Die grosszügigen Regularisierungsbeschlüsse, die in Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Deutschland oder Belgien gefasst wurden, zeigen, dass auch die Schweiz uns nicht weiterhin ignorieren kann um uns besser auszunützen.

Freiburg, Mai 2001

*EinwohnerInnen ohne Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung